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03
Mai

Zur Ausstellung „Im Blick des Anderen“ – Text von Beate Krützkamp

In Wellenschlägen wird es eine Reise zu sich selbst und darüber hinaus (Beate Krützkamp)

Die Ausstellung von Jasminka Bogdanoviç „Im Blick des Anderen“ ist nicht nur eine Augenweide, sie ist Konzentrat von Begegnungen. Zwischen großflächigen monochromen Bildern leuchten Augenblicke hervor, Porträts von Freunden, Künstlerkollegen und auch Auftragsarbeiten, die Jasminka Bogdanoviç in den letzten Jahren in ihrem Baseler Atelier erstellt hat. Ihr gelingt es, den Blick des anderen als einen Dauerhaften zu zeigen: Das Wiedererkennen ist wie ein vertrautes Tragen des anderen in Freiheit. Die Individualität fängt sie durch die Verschiedenartigkeit des Lichts im Blick des Anderen ein.

Nelly Sachs hat in einem Gedicht dieses Konzentrat von Blicken beschrieben.Kruetzkamp-zum-portrait

ZWISCHEN
deinen Augenbrauen
steht deine Herkunft
eine Chiffre
aus der Vergessenheit des Sandes.

Du hast das Meerzeichen
hingebogen
verrenkt
im Schraubstock der Sehnsucht.

Du säst dich mit allen Sekundenkörnern
in das Unerhörte.

Die Auferstehungen
deiner unsichtbaren Frühlinge
sind in Tränen gebadet.

Der Himmel übt an dir
Zerbrechen.

Du bist in der Gnade.

Gedanken bei einer Porträtsitzung im Atelier Jasminka Bogdanovic, Basel, 29.10.2011

Vor zwanzig Jahren saß ich Jasminka schon einmal gegenüber. Wie im Zeitraffer ging sie damals, 1991, während der vier Porträt-Sitzungen alle Phasen meiner Entwicklung durch. Und heute? Wieder saß ich ihr gegenüber. Was wandelt sich? Was bleibt?

Jasminkas Aufmerksamkeit im Anschauen ist irritierend und hebend zugleich. „Ich habe den Eindruck, ich begegne einem alten Freund.“ waren nach einigem Schweigen und flinken ersten Pinselstrichen die ersten Worte, die sie während des Malens sagte.

Eine anregende Unruhe aus gesammelter Tiefe schwebt zwischen den Blicken: von Jasminka zu mir, von mir zu ihr, von ihr auf die Leinwand und zurück. In Wellenschlägen wird es eine Reise zu sich selbst und darüber hinaus.

Zwei Wochen später bekomme ich eine Mail von ihr.

Betreff: „Das Bild“ – 12.11.2011

Liebe Beate,
seit ein paar Tagen, einige Stunden am Tag verbringe ich die Zeit mit Deinem Bild.
Das Tiefe einfach zu sagen, braucht eben Zeit!
Dein Blick, den ich schon von Anfang an hatte, habe ich zweimal weggenommen und seit vorgestern schaut er aus dem “Raum” hinter dem Bild.

In „Geschichtliche Symptomatologie“ beschreibt Rudolf Steiner: Die Menschen werden einander als Ich kennenlernen, indem sie sich wirklich anschauen lernen. (…) Den Menschen bildhaft auffassen können. (…) Durchsichtig gewissermaßen wird gegen die Zukunft hin der Mensch dem Menschen werden. Wie das Haupt geformt ist, wie der Mensch geht, wird mit anderem inneren Anteil und mit anderem inneren Interesse geschaut werden.“. (Dornach, 26.10.1918).

Es ist ein Geschenk, so „angeschaut“ zu werden. Jasminka schält aus Gesichtern verborgene Gesten heraus. Sie selber beschreibt den Prozess so:

“Ein Portrait malen gestaltet sich im Arbeitsprozess zu einer Art Gebet. Ein Augenpaar wie zwei Planeten mit unendlich Geheimnisvollem leuchtet mir entgegen. Es ist ein Geschenk, mich dem Blick-Wunder eines anderen Menschen in der Gestaltung nähern zu dürfen.”

“Im Anschauen eines Menschen sind die Sinne ein Eingangstor, die Seele muss sehend werden… man kann es auf alles zu Gestaltende übertragen, aber der Mensch ist so unendlich…” 

(In „Das Goetheanum“ ist am 4.5.2013 ein Ausschnitt aus diesem Text erschienen (hier als PDF)

Bild m Artikel: Nadine Reinert (unvollendet-vollendet) / 2012

 

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Atelier Doppelpunkt, Basel